Schildkrötenglück

Veröffentlicht: 20. Februar 2012 von Anke in Kreatives Schreiben

Kreatives Schreiben: Drei Autoren (Jochen-Jan-Ulrich) – eine Geschichte

Am Anfang schlüpfte eine kleine, unscheinbare Schildkröte aus ihrem weiß-grün gesprenkelten Ei und schaute verwundert in den zartorange-roten Morgenhimmel. Die Vormittagsflut hatte ihren Höchststand überschritten und die kleine Schildkröte musste sich beeilen, dem ablaufenden Wasser zu folgen.

Auch wenn der direkte Weg ins Wasser größtmöglichen Schutz vor den räuberischen Kamikaze-Libellen versprach, warteten in den Wellen bereits hungrig tentakel-bewehrte Langohr-Quallen.
Langsam kroch sie los, immer versucht, sich mit ihrer Körpertemperatur und somit der Farbe ihres Schildes der Umgebung anzupassen. Wieso sie dies kannte, wusste sie nicht. Woher auch! Schließlich war sie gerade erst geschlüpft. Anscheinend aber wurde das TTV-Gen über den Kalk der Eierschale vererbt. Über ihr surrten die riesigen Libellen wie ein mächtiger Bienenschwarm, aber noch hatten sie sie nicht entdeckt.
Der halbe Weg war geschafft und dunkelgrün schimmernd, unter einem großen Palmenblatt versteckt, erholte sich die kleine Schildkröte von den Anstrengungen der ersten Etappe.
Was sie beim Umsehen erblickte, erschreckte sie. Viele ihrer Geschwister hatten nicht soviel Glück gehabt. Über den ganzen Strand verteilt, konnte sie den Exodus der Familie in den verschiedenen Stadien beobachten. Vom Kamikaze-Anflug über das Anloggen mit den Saugfüßen, dem Aussaugen der Schilde in der Luft bis hin zum Aufprall der leeren, nun matt-schwarz gefärbten Schilde auf dem durch die Sonne erwärmten violetten Strand.
Einmal tief durchatmend und das Gesehene abschüttelnd machte sie sich auf den Weg. Das Wasser war so nah. Dort würde sie in Sicherheit sein. Sie erblickte einige Geschwister, die bereits ins Wasser glitten. Die Libellen waren mit den erlegten Opfern beschäftigt.

Gab es nicht eine gefräßige Leguan-Familie auf der Insel? Hatten sie die Libellen-Population nicht seit langer Zeit am weiteren Anwachsen gehindert? Die Leguane waren wegen der leicht zu fangenden gelben Sumpfspinne auf die andere Seite der Insel gewandert. Und die Sumpfspinnen waren daraufhin ausgewichen, die Leguane ihnen aber weiter gefolgt. Da die Insel klein und rund war, hatten die Sumpfspinnen inzwischen das Gelege der Schildkröten schon fast erreicht. Nur eine Düne trennte die kleine Schildkröte von den Leguanen, aber das wusste sie nicht. Sie hörte das Schwirren der Libellen, sah die vielen tausend Zungen der Leguane und hörte das Aufbrechen der Chitin-Panzer der Insekten. Gemächlich ließ sie sich daher ins warme Wasser gleiten, begann zu schwimmen und schaute sich nicht mehr um.

Die Langohr-Qualle sah sie erst, als es offenbar schon viel zu spät war. Die Tentakel der vielen Quallen unter ihr schienen sich nach ihr auszustrecken. Sie waren schon ganz nah bei der kleinen Schildkröte, aber die Tentakel wirkten wie erstarrt. Die Schildkröte schwamm langsam weiter und änderte ihre Richtung. Sie sah nun die Tentakel starr und rosa glänzend, schön wie Murano-Glas neben sich im Wasser blitzen und funkeln. Ein wenige Stunden zuvor havarierter Frachter hatte eine Flüssigkeit verloren, die offenbar für Schildkröten völlig ungefährlich war, die sich aber mit den Protein-Molekülen auf den Tentakeln der Quallen verband und die schleimigen Tiere zum Teil mit einer glasartigen Oberfläche versah. Sie waren erstarrt.

Die vielen kleinen Schildkröten tummelten sich nun im Wasser, umtanzten die bewegungslosen Quallen und sahen bei ihrer Rückkehr zum Strand nur noch Reste von Libellen. Abfall, den die Leguanfamilie hinterlassen hatte. Einige Zeit darauf schlüpften bereits wieder kleine Schildkröten und ein paar Leguane dösten in der Sonne, blinzelten gelegentlich in Richtung der Schildkröten, als ob sie sie bewachten.

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Kommentare
  1. Jan sagt:

    Sag mal, war das Ende schon immer so? Ich hab das irgendwie anders in Erinnerung 🙂

  2. Jochen sagt:

    TTV-Gene ?? – Kam die Idee von Ulrich oder mir?
    Die Beute-Jäger-Beute-Beziehungen sind einfach genial.

  3. Ulrich sagt:

    Klar, aber diesmal gibts ein blutiges Ende !

  4. Jan sagt:

    also das TTV Gen stammt eindeutig von mir, sorry Jochen 🙂

  5. Ulrich sagt:

    Es soll dort schon grüne Leguane geben, die beobachtet wurden, als sie per Nackenbiß kleine Schildkröten töteten und deren Fleisch, nachdem sie es in der Sonne dörren ließen, fraßen …
    Vielleicht dösen sie gar nicht, vielleicht lauern sie nur … ?

  6. ankefischer sagt:

    Leute: Ich will mehr! Warte auf die nächste Geschichte…

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