Stürmischer Tag

Veröffentlicht: 20. Februar 2012 von Anke in Schreiben in der Kunsthalle

Es kam ein Grollen auf, und
der Regen blieb aus.
Hier ist, was wir sehen:
Kein Spiegeln mehr in der Pfütze, wir
stiefeln im Trüben.
Wolken werfen Schatten auf den Grund, doch der Wind
kann mehr:
Fetzen von Licht schluckt die Erde mit äußerster Kraft.
Siehst du die Lichtung am Ende der Bäume?
Der Pfad dorthin bleibt überwachsen.
Kameraden, ich lache und sage euch: wir
gehen ihn suchen, auch hinter der roten Böschung!
Wartet nur, bis der Wind sich legt.
Furchen im Schlamm bugsieren ihr Saatgut gen Norden.             U.R.

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Es treibt mich der Tod auf den Acker hinaus.
Er zerrt an mir, an meinen Kleidern, an meinem Haar.
Ich folge ihm.
Maria, Mutter Gottes, verhilf mir zu einem neuen Leben.
Führe mich.
Wohin soll ich gehen?
Der Himmel kann mir nicht stärker auf den Schultern
lasten als der Tag und die Nacht.
Es ist ausgestanden. Vorbei.
Treibe mich, Tod, in die Weite.

Sie trat aus dem Haus und schloss die Tür hinter sich.
Ihre Hände wischte sie flüchtig an der Schürze ab.
Sie stand einen Augenblick unschlüssig da,
blickte über das Feld in den Himmel.
Dann lief sie los.
Der Wind zerrte an Kleidern und Haaren.
Sie fasste den Umhang straffer und ihr Blick traf
auf das Blut an ihren Händen.
Sie spürte, wie sich ihre Augen mit Tränen füllten.
Es hatte sein müssen.
Wieder blies der Wind in ihr Unterkleid und ließ sie frösteln.
Sie sah die tief hängenden Wolken, beschleunigte
den Schritt und ging den schmalen Feldweg weiter,
ohne sich umzublicken.                                                                 L.B.

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Gepflügte Erde

Ja, das ist es, was ihn wieder verbindet mit dieser rauen Landschaft hoch im Norden, der Landschaft seiner Kindheit, und mit seinen frühesten Erinnerungen, die so blass und welk geworden sind im Laufe der Zeit.

Mehr noch als die Kühle des Windes, die er wie einen herben Kuss auf seinen Wangen spürt, ist es der feuchte Geruch der aufgerissenen, frisch gepflügten schwarz-braunen Erde, der ihn schwer werden lässt, geradezu einsinken lässt wie einen Stein in das halb verschattete Gestern.

Immer und überall war es die Erde selbst, die ihm irgendwann etwas zu sagen hatte – etwas, das geheimnisvoll und seinem Innersten doch irgendwie leicht verständlich war.

In den vielen Jahren seiner unruhigen Wanderschaft dort unten im Süden hatte er sie geradeso wie hier jetzt oft nackt gesehen, ohne ihr sommerliches grünes Kleid: die ziegelrote Erde der Weinberge am Rande der Pyrenäen, oder die braunen, von Sandschlieren blond gesträhnten Äcker der Extremadura.

Jedes Mal war er wieder aufs neue erstaunt über die Einzigartigkeit und Andersartigkeit der Erde, genauso wie er in den Armen der vielen Frauen, die er geliebt hatte, immer wieder erstaunt war, dass sich ihm das Weibliche jedes Mal in anderen,vollkommen neuen Schattierungen zeigte.

Am deutlichsten hatte die schwarze Erde Andalusiens zu ihm gesprochen, die von schwarzen Stieren mehlfein gepflügte Ackerkrume, die – aufwirbelnd unter den Hufen bunt gekleideter Reiter – einen fast blumigen Duft verbreitet.

Kniend am Wegrand, mit beiden Händen die schwarze Erde pressend und knetend, hatte er mit einen Mal  verstanden, dass ihr etwas fehlte … dass ihm etwas fehlte … dass seinem Leben etwas fehlte.

Diese fremde schwarze Erde hatte nicht wie die Erde seiner Jugend den Geruch von harten Gräsern, wildem Moos und moderndem Laub; ihr entstieg nicht die bitter-süße Ahnung eines harten, kargen Lebens mit einem nur kurzen Liebessommer und frühem Tod.

Eine schmerzende Sehnsucht nach dem bäuerlichen Leben im Moor, unter schweren, rasch dahin eilenden Wolken, hatte ihn also nach vielen Jahren endlich wieder zurückgeführt in sein Dorf, um hier nun wieder mit dabei zu sein und anzupacken: beim Pflügen, bei der Aussaat und später – im nächsten Jahr dann – bei der Ernte.

Ja, gleich morgen würde er diesen Acker hier wieder bearbeiten, sich nach getaner Arbeit waschen am Trog hinterm Haus, das frische weiße Hemd anziehen und dann, wie zufällig, vorbeischauen bei Olaf, seinem alten Kameraden vom Torfstich, und seiner Schwester Rieke … ja, Rieke wiedersehen …

Hilda Marquardt

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Zehn Kilometer sind wir erst von Kleinhubersdorf entfernt, dachte Großmutter Niebel, während sie sich ihre schmerzenden Knie rieb.
Früh um fünf Uhr waren sie losgezogen mit so viel Habseligkeiten, wie ihr Handwagen fasste.
Mehr mitzunehmen hatte ihnen der deutsche Kommandeur, der selbst schon den Rückzug seiner Männer eingeleitet hatte, nicht erlaubt.
Ein Acker erstreckte sich zu ihrer Linken mit fruchtbarer schwarzer Erde gleich jenem, auf dem sie vor wenigen Tagen die Saatkartoffeln ausgebracht hatten.
In der Mitte des Feldes duckten sich Büsche aneinander, als könnten sie sich gegenseitig schützen vor dem Unwetter, das gerade aufzog.
Gleich wird der Himmel Wind und Regen auf das offene Terrain herabfahren lassen.
Unselige Großmachtgelüste, die diesen Krieg verursacht haben!
Vielleicht würde ihnen ein plötzliches Ende gewährt durch Beschuss aus Flugzeugen oder Panzern von der Straße her.

ILKA

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In schwer verständlichem Platt hatte der Bauer gesagt, dass nach zwei Kilometern das Dorf erreicht ist .

Geradeaus gar nicht zu verfehlen.

Mittlerweile laufe ich seit einer Stunde von Baum zu Baum als einzige Orientierung.

Die Stiefel fühlen sich wie breite Schneeschuhe an, da sie sich mit Feldmatsch vollgesogen haben.

Der Wind stellt sich mir entgegen, der Gang wird länger und länger.

Drohende schwere Wolken verheißen Regen.

Nichts ist vom Dorf zu sehen, nur Felder und Bäume zaghaft verstreut.

Selbst die moderne Technik hat sich verabschiedet.

Zwei wettrennende Hasen kann ich nicht fragen.

Beim fünften Baum sehe ich einen Trecker, die Hoffnung treibt mich an.

Rose Marie

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