Porträt eines Mädchens

Veröffentlicht: 28. Februar 2012 von Anke in Schreiben in der Kunsthalle

Alexander Heubel: Brustbild eines Mädchens

Warum fragst du mich das?…ob ich heute Nacht etwas gehört habe? Ja, habe ich. Ich höre alles, was in der Nacht hier passiert. Das wissen meine Eltern nicht, und Federica weiß es nicht, obwohl sie im Zimmer neben mir schläft. Federica hört gar nichts, deshalb hat sie auch Tante Wilhelmine nicht schreien hören letzte Nacht. Aber ich. Es ist auch eigentlich gar nichts Besonderes. Ist sie jetzt tot? Das ist gut. Dann wird es jetzt nicht mehr so laut sein. Wenn Tante Wilhelmine da war, konnte ich wirklich fast nie schlafen, und Federica hat mit mir geschimpft, dass ich am nächsten Tag im Spielzimmer auf dem Schaukelpferd eingeschlafen bin. Dabei konnte ich nichts dafür, sondern Tante Wilhelmine. Federica merkt eben einfach gar nichts.

Mutter hatte morgens dicke rote Augen und hat den Kaffee mit dem Arm vom Tisch gewischt. Dabei hat sie Sir Tony, den Hund, am linken Hinterlauf verbrannt, den Armen. Mutters Weinen in der Nacht hört jeder, obwohl sie im anderen Flügel wohnt; da, wo mein kleiner Bruder letzten Sommer im Teich ertrunken ist. Mutter sagt, sie hört ihn nachts im Teich rufen, aber ich denke, sie lügt. Sonst würde ich es ja hören. Federica natürlich nicht, sie hört ja gar nichts. Mein Vater lacht manchmal laut, vor allem, wenn Mutter von den Rufen im Teich anfängt, und noch lauter, wenn Tante Wilhelmine da ist und Mutter morgens so dicke rote Augen hat. Vater kann ich öfter hören als sehen; in den Hausflügel, wo er seine Räume hat, dürfen wir Kinder nicht gehen. Die sind gegenüber von denen meiner Mutter und dem Teich.

Wenn mein Vater nicht lacht, dann schreit er meist. Mit Tante Wilhelmine schreit er bis spät abends, und ganz spät schreien sie dann zusammen, und das klingt hässlich. Ich mag es nicht hören. Es klingt wie im Ochsenstall bei Bauer Rupert, wo ich nicht hin soll – aber ich klettere über den Balkon hinaus, wenn Federica denkt, dass ich mittags schlafe. Sie hört mich ja nicht! Jedenfalls schreien Vater und Tante Wilhelmine nachts, und ich schaue aus dem Fenster, um zu sehen, was meine Mutter macht. Vielleicht hört sie es auch, und vielleicht mag auch sie das nicht. Ich glaube nicht, dass es den lieben Gott gibt, aber ich sage ihm vorsichtshalber, dass er die Fenster von Mutters Zimmern ganz dicht zumachen soll. Damit sie morgens nicht die Kaffeekanne vom Tisch wischt.

Tante Wilhelmine ist eine Freundin aus den Kindertagen meines Vaters, sagt er. Aber mir und meinen Brüdern sagt Federica immer, dass wir nicht schreien dürfen und andere Kinder nicht zum Weinen bringen dürfen. Deswegen glaube ich, dass Vater und Tante Wilhelmine schlecht erzogen wurden. Zur Strafe habe ich gestern Tante Wilhelmine das weiße Pulver aus der Dose in ihren Tee getan. Die Dose habe ich aus Federicas Kommode. Natürlich weiß sie das nicht! Sie hat immer gesagt: „und wenn du nicht brav bist, streu ich dir Schlafpulver in deine Milch, und du bist still!“ Also ist jetzt Tante Wilhelmine still – brav war sie sowieso nicht. Still muss auch noch Vater werden. Ich habe die Hälfte des Pulvers aufbewahrt. Er soll nicht mehr so hässlich lachen in den Nächten. Ich mag das nicht. Wenn das Pulver alle ist, mache ich in meiner Mutter Schlafzimmer die Fenster auf, so dass sie frische Luft kriegt und gut schlafen kann und keine roten Augen mehr hat. Dann hör ich mit ihr zusammen zu, ob wirklich mein Bruder aus dem Teich ruft. Ob ich das darf, bei ihr schlafen? Natürlich nicht. Aber Federica merkt es ja nicht.

Ursula Ros, Dezember 2011
Zu: Alexander Heubel, Brustbild eines Mädchens, 1834

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Ich heisse Anna, ich bin 12 Jahre alt.
Vielleicht denkst du, ich sei älter, weil ich so ein elegantes blaues Seidenkleid trage mit winziger weisser Spitze im Ausschnitt.
Das ist mein Sonntagskleid.
Wenn ich es tragen muss, ändert sich meine Stimmung:
Da ich mich eingeengt fühle trotz der weiten Puffärmel, werde ich nachdenklich, schmolle, frage mich:

Warum diese Verwandlung am Sonntag?

 Meine langen schwarzen Haare bürste ich gerne jeden Tag morgens ausführlich, so dass sie Glanz bekommen.
Dieser Glanz überzieht dann ein wenig den Tag, auch den Sonntag.
Ein schwarzes Samtband kann ich schon selber um meinen Kopf binden,
und unter meinem Zopf im Nacken befestige ich es mit einer Schleife.

Gerne entdecke ich täglich Neues, doch meine Eltern haben nie Zeit und Geduld – auch sonntags nicht- auf meine Fragen zu antworten.
Da ich die Älteste bin, helfen mir meine jüngeren Brüder auch nicht weiter, manchmal jedoch bringen ihre spontanen Antworten uns alle zum Lachen.

 Wenn ich unbemerkt von zu Hause entkommen kann, flüchte ich mich zu meinem Grossvater.
Er ist weise, hat Zeit und Geduld, auf meine Fragen zu antworten, mir die Welt zu erklären.
Dann fühle ich mich auch nicht mehr eingesperrt in mein Sonntagskleid, bin befreit, mein Mund hat keine Zeit mehr zum Schmollen, denn ich rede mit ihm unentwegt.
Wir gehen gemeinsam auf Entdeckungsreise; doch davon erzähle ich dir ein anderes Mal.

D.F.

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