Ferdinand Waldmüller: Bildnis Joseph

Veröffentlicht: 6. März 2012 von Anke in Schreiben in der Kunsthalle

Ich hatte es 1821, als man mich porträtierte, schon zu Wohlstand gebracht. Längst hatten wir aufstrebende Bürger die altmodische Beinkleidung mit Hosen, wie sie seit der Französischen Revolution üblich wurden, ausgetauscht. Über einem Hemd ohne Kragen trug ich eine gelbe Weste und ein mehrfach um den Hals geschlungenes weißes Tuch, das mein Doppelkinn verbarg und meinen Kopf aufrecht und stolz hielt. Mein knielanger Rock hatte einen ausladend breiten Kragen aus rotem Samt. Mit meinem kurzen Herrenschnitt demonstrierte ich, dass meine Generation auch im wortwörtlichen Sinne mit den alten Zöpfen Schluss machen wollte; die gepuderten Perücken ruhten in den Mottenkisten.

Aber darüber, wohin es wirklich gehen sollte, war mir noch unklar. Ich hatte in Göttingen die Rechte studiert und war dann am Hof zu Karlsruhe angestellt gewesen. Dort verabschiedete ich mich vier Jahre später, als mein Vater, der eine Manufaktur in Mannheim besaß, starb und der dafür vorgesehene Nachfolger, mein Bruder Wilhelm, nach Amerika auswanderte.

Zunächst verstand ich nicht, was Wilhelm bewog, seiner Heimat den Rücken zu kehren und jenseits des Ozeans sein Glück zu versuchen. Es hieß, dass er aufrührerische Reden führte und sich  respektlos gegenüber staatlichen und kirchlichen Autoritäten gezeigt habe. Er forderte die Abschaffung adeliger Privilegien wie der Ständegesellschaft insgesamt. Er überließ mir das väterliche Unternehmen, da er sich, wie er sich ausdrückte, „nicht an der Ausbeutung der Arbeiterklasse beteiligen“ wolle. In Amerika aber könne er Freiheit und Gleichheit aller finden.

Ich hatte mich bisher in einem von der übrigen Gesellschaft abgeschotteten Bereich von Adeligen und deren Dienstpersonal bewegt und war recht ahnungslos, als ich meine Tätigkeit in Vaters Manufaktur begann. Mein Buchhalter erkundigte sich vorsichtig, ob ich vieles zu ändern gedenke. Als ich genauer nachfragte, erfuhr ich, dass mein Vater als arbeiterfreundlich gegolten und verhältnismäßig hohe Löhne gezahlt habe. Er hatte sogar vor, ein Krankenhaus eigens für seine Arbeiter zu bauen. Nun nahm ich auch wahr, dass mir die Menschen in meinem Betrieb mit offenem Blick begegneten. Es blieb mir nicht verborgen, dass sie eine sozialdemokratische Zelle bildeten und für Arbeiterrechte stritten. Wenn mein Vater das duldete, wollte ich mich nicht von vornherein dagegenstellen. Ich musste der Sache erst einmal auf den Grund gehen.

Über einen Studienfreund, den man allseits, den roten Fritz nannte, nahm ich von da an an  Stammtischdiskussionen teil und kam an Bücher, die mir den theoretischen Hintergrund zu dieser neuen proletarischen Bewegung lieferten. Von Engels hörte ich, einem Unternehmersohn wie ich, der beim Bau der Eisenbahn zwischen Bonn und Köln schon agitiert hatte, und von seinem Mitstreiter Karl Marx, der später nach London zog und bahnbrechende Ideen veröffentlichte. Der Schriftsteller Georg Büchner rief im Hessischen Landboten zu einem allgemeinen Aufstand auf und musste dafür vor der Polizei ins Ausland fliehen. Ich ließ ihm heimlich etwas Geld zukommen. In mehreren Städten gab es Bürgererhebungen. Ich dachte und agierte, woran ich früher im Traum nicht gedacht hatte, inzwischen ganz in deren Sinn. Ich ließ mich als Kandidat aufstellen und wurde 1848 ins erste deutsche Parlament gewählt, das in der Frankfurter Paulskirche zusammen kam.

Wenn wir selbstbewusste und politisierte Bürger in der Folgezeit auch schlimme Rückschläge hinnehmen mussten, so bewegten wir das Rad der Geschichte doch etwas mit in die richtige Richtung.

ILKA

—————————————————————————————————————————————-

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s