John Cage: Steps

Veröffentlicht: 24. März 2012 von Anke in Schreiben in der Kunsthalle

Hatten alle erwartet,
der letzte Satz der Symphonie klänge aus
in einem krönenden Ende
in Fortissimo
unter Trommelwirbel und Paukenschlägen,
so irrten sie sich.

Ein Musiker nach dem anderen
stand mitten im Spiel auf,
packte sein Instrument ein
und verließ den Raum
in stummem Protest
rückwärts.

ILKA

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 Auch von Dir

bleibt etwas … eine Spur.
Dein Leben mag kurz sein,
es mag Dir seicht erscheinen
oder den anderen leicht.
Egal: Auch von Dir bleibt
eine Spur.

Über Zeitströmungen,
Schicksalsschichtungen
hinweg schreitest Du.
Woher – wohin?
Frag nicht … Geh einfach weiter.

Auch von Dir
bleibt eine Spur.
Gemeißelt in die Erinnerung
Deines Volkes, Deines Jahrhunderts
dank Deiner großen Tat.
Egal: Mit der Zeit verblasst
auch Deine Spur.

Hilda Marquardt

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Was verändert die Welt?
Revolution?
Geschrei? Gewalt? Mord?
Stiller Tropfen?
Stalagmit und Stalaktit?

Sie war ein stilles Kind. Schauend. Mit großen Augen.
Transuse! schimpfte ungeduldig die Mutter.
Lange Leitung, lachte laut über sie der Bruder. Und andere mit ihm.
Sie lebten anderes Tempo.
Sie schwieg. Oder lachte einfach mit. Nicht so laut. Eher in sich hinein.
Doch in ihr arbeitete leise das Leben.
Sie handelte, statt zu reden. Unbemerkt meist von Urteilenden.
Und bemühte sich später, nicht vorzeitig zu urteilen.

Wer sie wirklich war? Wusste sie es von sich?
Sie war eine leise sich Verändernde, langsam Veränderte. Nichts blieb, wie es war.

Willst du die Welt verändern, so verändere dich selbst.

Raphaela

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Step by step

Schritte vor, zurück

in der Bahn,

vorgegeben von einem dicken Besen,

von Schwarz nach Weiss,

von Hell nach Dunkel,

von Laut nach Leise:

Stille!

Nicht ausruhen!

Nicht aus der Reihe tanzen!

Nicht die Bahn verlassen!

Widerspruch!

Widerstand!

Gegen die Unordnung:

Es fehlt noch ein Stuhl!

Unhörbare Versprechungen nicht eingelöst!

Resignation!?

Nein, jetzt erst recht!

Um es mit Rilke zu sagen:

Es ist ein seltsames Land.

– Worpswede – 1903

D.F.

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Das Gegenteil von „Verboten“

                        ist

spielerisch

wagemutig

            ausprobieren

            gegen den Strich

                        rückwärts statt vorwärts

                        halb statt ganz

                                    quer und krakelig

                                    wild und unbändig

                                                obszön statt brav

                                                laut statt leise

                                                            träumend gestalten

                                                            tanzen statt marschieren

                                                                        lustvoll in allem

                                                                        ehrlich &  spontan

            Schwein sein macht

            halt viel mehr Spaß

unvollkommen zu sich stehen

mal auf allen Vieren gehen

            auf den Zehen

            klitzeklein

                        quieken wie ein kleines Schwein

                        sich das Unmögliche erlauben

                                    panschen auch mit Modderpampe

                                    barfuß in dem Regen hüpfen

                                                vergnügte Lieder in der Kirche singen

                                                Jesus vom Kreuze abhängen

            damit er endlich mal

            beide Hände frei hat

            für meine Sorgen

           

ständiges Jammer sein-lassen

laut mit dem Strohhalm schlürfen

            Seifenblasen machen

            mit dem Rücken zum Orchester sitzen

                        kunterbunt sich kleiden

                        von rechts nach links den Namen schreiben

                                    jung sein unter Tattergreisen

                                    balancieren auf dem Kreidestrich

           

            und zu allem stehen

            statt verschämt davon zu gehen


Renate Grolewsky

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Es sollte doch möglich sein in einer Halle mit vielen Anderen zu stehen und seine Ruhe zu haben. Aber nein, zwei Gabelstaplerspitzen wuchteten sich in mein Inneres und ab ging es in die Höhe. Ich bin nicht schwindelfrei. Rüttelnd durch die kalte Halle gefahren, auf zwei Spießen das Gleichgewicht suchend und: Rumps, auf die Ladefläche eines schmutzigen Lastwagens abgeladen. Der Sturm wollte mich von meinem Platz verdrängen. Dem konnte ich noch Stand halten. Gegen das Gewackel während der Fahrt hatte ich keine Chance. Völlig entnervt und sich als ein einziger Schmerz fühlend – endlich Stillstand. Kommen jetzt wieder die Spieße? Nein, die Mühe machte man sich nicht. Sie stellten die Ladefläche schräg und ließen mich hinunterkullern. Ich plumpste auf den Asphalt. Alles blieb heil. Zum Glück war die Straße gerade und so kam ich schnell zum Stillstand. Ein Messer löste mit einem exakten Schnitt die Ummantelung. Aufatmen. Freiheit. Doch zwei Männer schubsten mich mit Fußtritten die Straße entlang und rollten mich aus. Mein schönes leeres, helles Aussehen verschmutze auf der Unterseite. Es ekelte mich. Ich war zu Besserem berufen. Damit ich nicht fort konnte, klebten sie mich an den Rändern mit Klebeband fest. Gefangen. Die restliche Rolle wurde mit einem brutalen Messerstrich von mir getrennt und verloren auf der Straße abgestellt. Wir konnten uns nicht verabschieden.

Um mich herum entstand plötzlich Hektik. Lautes Reden, Eimer wurden angeschleppt. Farbe auf Schuhsohlen verteilt und dann trampelten bemalte Menschenfüße auf meinem Weiß herum. Schreien half nicht. Mal fielen die Füße derb und schwer, mal tänzelten sie leicht auf meiner Oberfläche. Langsam und dann schneller, springen, rauben mir den Atem.

Andere kamen auf die Idee sich kratzige Bürsten unter die Füße zu schnallen und begannen meine feine Haut aufzurauen. Ich hatte nur Angst, sie würden mich zerstückeln. Musste es aushalten. Halb durchweicht, und völlig erschöpft, an manchen Stellen angeritzt, lag ich hilflos auf dem Boden.

Nach einiger Zeit vergaßen sie auf mir herumzutrampeln, aber sie redeten über mich. Sie begutachteten meinen Aufdruck, lächelten. Worte wie Intensität, Rhythmik und andere fremde Aussagen erreichten mich. Die warmen Strahlen der Sonne, die hervorgetreten war, beruhigten mich und ließen die Zeichen auf mir leuchten.

Wieder kamen Menschen, es nahm kein Ende. Sie lösten mir jetzt sanft, beinahe zärtlich die Klebebänder. Sie rollten mich achtsam zusammen und trugen mich vorsichtig zu einem Wagen. Nicht schon wieder, dachte ich. Das Gerüttel bekommt mir nicht. Doch es gab weiche Umhüllungen, Stützen, um mich während der Fahrt nicht hin und her schwanken zu lassen. Langsam, sorgsam und ohne ein Schlagloch zu streifen, fuhren sie los. Ich vernahm Worte wie Bremen und Museum.

Egal, wenigstens bleibt es warm, ich kann mich anlehnen und das Geschaukel hat ein Ende.

Rose Marie

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