Der Brief

Veröffentlicht: 27. März 2012 von Anke in Parallelwelten

Die Türglocke schlug an. Manfred legte den Brief zurück auf den Schreibtisch und steckte den Federkiel ins Tintenfass. Ein Blick auf die Pendeluhr zeigte, dass es erst kurz nach acht Uhr war.
„Guten Morgen, bin ich hier richtig beim Schreibstudio?“ In der Tür stand eine junge Frau im Sommerkleid, die zögerlich den Kopf senkte.
„Ja, kommen Sie ruhig herein. Womit kann ich Ihnen dienen?“
Die Frau zog vorsichtig eine Rolle Papier aus ihrem Leinenumhängebeutel.
„Ja, also, ich heiße Sybille Sondermann und diesen Brief habe ich gestern von einem Boten zugestellt bekommen. Und nun….“
Manfred nickte. Viel Menschen in der Kleinstadt Bremen konnten weder lesen noch schreiben oder hatten damit große Probleme. Es war ja auch auch nicht notwendig.
Deutschland war seit über 50 Jahren ein Agrarstaat. Nach dem zweiten Weltkrieg konnten sich die Alliierten nicht einigen, wie es mit dem besiegten Nazideutschland weitergehen sollte. Zur Diskussion standen der Marshall- oder der Morgenthau-Plan. So kam es dann, dass sämtliche Industrieanlagen demontiert wurden und der Großteil der Stadtbevölkerung aufs Land ziehen musste.
Manfred brach das Siegel und rollte den Bogen auf dem Eichentisch aus. Oben prangte das Wappen der Stadt Bremen SPQB.
„Das ist eine Nachricht vom Wohnungsbauamt. Ihr Name wurde in der Großen Wohnungslotterie gezogen und sie haben Anspruch auf eine Zwei-Raum-Wohnung im Ostertor. Mit Kohleofen, aber im Souterrain.“
Die junge Frau strahlte. „Und wie geht es jetzt weiter? Was muss ich jetzt machen?“
„Ja, da gibt es noch eine Kleinigkeit. Sie müssen in der neuen Wohnung Hausmeistertätigkeiten übernehmen und dazu brauchen Sie den Nachweis über Grundkenntnisse im Schreiben und Lesen.“
Das Strahlen auf dem Gesicht der jungen Frau erlosch. Das Staatliche Programm zur Alphabetisierung der Rückkehrwilligen, kurz SPAR genannt, hatte im Umland für viel Aufmerksamkeit gesorgt. Wohnraum für junge Leute, die sich weiterbilden wollen, das war das Konzept, um auch in Zukunft mit schon bald über einhunderttausend Einwohnern die Unabhängigkeit Bremens sichern zu können.
Manfred sah der jungen Frau ins Gesicht und versuchte sie aufzumuntern.
„Wenn Sie wollen, können Sie mit dem Unterricht schon Mittwoch Abend anfangen. Meine Kollegin in der Neustadt bietet Schreibkurse an. Und bei der hat bisher jeder das Zertifikat geschafft.“

Manfred Schloesser

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s