Munch: Das Kind und der Tod

Veröffentlicht: 22. April 2012 von Anke in Schreiben in der Kunsthalle

Ich habe genug von der Musik gehört – genug! – aufhören jetzt.

Am lautesten hab ich aber das Atmen gehört. Großmutter hat so laut geatmet, lauter als diese Orgel, die nicht aufhören wollte. Die Wände der Kirche sind doch so dick, so dick und schwer sind die Steine der Kirchmauer, warum können sie die Töne nicht davon abhalten, hierher zu fliegen?

Wegen der Orgeltöne hat Großmutter so laut atmen müssen. Es hat mir in den Ohren wehgetan und im Kopf gerasselt. Es war zu schwer für Großmutter, durch die Orgel zu atmen. Die Töne sind durch ihren Mund hineingeflogen, durch ihre Brust hindurch und haben immer ein bißchen Luft mit rausgenommen. Ich habe gesehen, wie die Töne mit Großmutters Luft durchs Fenster hinausgeflogen sind, zurück zur Kirche.

Als Großmutter nur noch wenig Luft hatte, hat sie immer langsamer geatmet. Dann sind die Töne stehengeblieben mitten im Zimmer, und Großmutter hat gar nicht mehr geatmet. Alles war ganz still. Ich habe gewartet. Ich wollte rauslaufen zum Apfelbaum und ihn fragen. Aber plötzlich haben die Töne wieder eingesetzt, alle Töne der Orgel sind auf einmal ins Zimmer gefallen.

Aber keine Luft weht mehr durch Großmutter.

Das ist alles so furchtbar laut. Ich mache meine Ohren zu.

Ursula Ros

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Widerhall des Todes

Kind – schrei, wenn du kannst!
Mutter – ich schreie nicht, wenn ich nicht kann!

Kind – ich bin bei Dir.
Mutter – wo bist Du?

Kind – weine nicht um mich.
Mutter – weinen, um wen?

Kind – denke an deine Zukunft.
Mutter – welche Zukunft?

Kind – ER passt auf dich auf.
Mutter – bitte nicht ER.

Kind – sorge dich nicht.
Mutter – wie viele Sorgen noch?

Kind – sei tapfer, lebe ohne mich.
Mutter – wird es dann viel  anders sein?

Kind – lebe voller Hoffnung.
Mutter – Hoffnung wofür?

Kind – verzeihe mir.
Mutter – ist es dafür nicht zu spät?

Jürgen Hanik

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Das Kind

Ich habe dein Ächzen und Stöhnen gehört
Tag für Tag
Nacht für Nacht
und es war furchtbar

Jetzt höre ich dein Schweigen
lauter als alles andere
und es ist unerträglich…

Letzte Gedanken

Mein Liebes ~
ich habe dich
nur sehr ungern
zurückgelassen,
aber ich konnte
dich wahrlich
nicht mitnehmen.
Mögen das Leben
und dein Vater
immer gut zu dir sein…

Sonnenmondin

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