Julian Beck, meine Katze und ich

Veröffentlicht: 25. April 2012 von Anke in Parallelwelten

Ich heiße Julian, bin so Mitte 40 & wohne in HB. Meinen Lebens-Unterhalt verdiene ich mit Taxi-Fahren & für Freunde & Bekannte schraube ich an Fahrrädern.

Seit nach dem Crash 2009 dieses „Bedingungslose Grundeinkommen“ in der BRD ein­geführt wurde, sind meine materiellen Sorgen mit der Zeit immer kleiner geworden, denn was ich mit Taxi-Fahren im Monat nicht verdiene, wird bis zu einem Betrag von 1200€ ausgeglichen. Ich fahre zwar nicht mehr Schichten als sonst, verdiene aber wesentlich mehr, weil alle Leute das BGE bekommen. Wer mehr als das verdient, dem wird es von der Steuer abgezogen. Es fragt auch niemand mehr nach, ob ich mit einem möglichen Mitbewohner eine eheähnliche Beziehung habe, die die Existenz einer an­rechnungspflichtigen „Bedarfs-Gemeinschaft“ nahelegt.

Meine Umsätze sind seitdem um 30-40% gestiegen, weil jetzt mehr Leute Geld haben, um es für Taxi-Fahrten auszugeben. Ich brauche immer weniger von diesem Grundeinkommen, um meine Kosten (Miete, Nahrung, Bücher, etc…) zu decken. Dabei sind die meisten Preise nur unwesentlich gestiegen.

Auch von meinen Freunden aus der Schrauber-Szene weiß ich, daß jetzt mehr Menschen  mehr Geld für ihr Rad ausgeben. Es werden mehr & hoch­wertigere Fahrräder verkauft & die Leute lassen mehr Geld für Reparaturen in den Fahrrad-Läden, statt sich das nächste „fabrikneue“ Schrottrad vom „Billigmarkt“ zu erwerben.

Manche Chefs erwägen mittlerweile tatsächlich, neue Leute einzustellen oder sprechen von sich den Gedanken nach einer Gehaltserhöhung aus.

Da die Leute seit dem Crash & den nachfolgenden sozialen- & wirtschaftspolitischen Reformen in der BRD ihr Geld nicht mehr so leicht in anderes Geld (Aktien, Schuld­Verschreibungen, Derivate, etc…) investieren können, konsumieren sie mehr Dienstleistungen als Waren.

Denn einige Rohstoffe (Erze, Seltene Erden, fossile Brennstoffe, usw..) sind in den letzten Jahren nicht nur knapp geworden, sondern werden auch stärker besteuert. Dadurch entstehen zusätzliche Arbeitsplätze in der Recycling-Industrie & Wind- & Solarstrom aus Bio-Gas. Wertvolle Rohstoffe. Ein ent­sprechendes Gesetz fördert den privaten Besitz von Bürgerwind- & Solar-Anlagen. Jeder Bürger kann Anteile von 100 bis nicht mehr als 50.000€ in einen Fond ein­zahlen, aus dem der Aufbau von Solar-Anlagen auf ungenutzten privaten & gewerb­lichen Dachflächen finanziert wird. Ich hab aus Spaß mal so einen Anteil gekauft & bekomme seitdem jedes Jahr ein paar EURonen aus dem Strom-Erlös. Nicht sehr viel, aber ich kann den Betrag von meiner Strom-Rechnung abziehen. Auch nett.

Gerade die Preise für fossile Rohstoffe sind doch arg gestiegen. Seit unsere großen Freunde & Verbündeten jenseits des Atlantiks sich im Iran festgebissen haben, als ob das im Irak & Afghanistan nicht lehrreich genug gewesen wäre, geht es da munter ab in der Golf-Region. Wobei „munter“ nur eine zynische Umschreibung der Geschehnisse dar­stellt: Hier ein Massaker von traumatisierten Soldaten an der Zivil-Bevölkerung in Teheran & Ghom, dort dort ein Selbstmord-Anschlag in Los Angeles & Detroit, brennende Ölfelder, radioaktive Verseuchung, wenn auch nicht durch Atombomben, so doch weil Militärs & Politiker ein iranisches AKWs bom­bardiert haben, um die tatsächliche oder vermeintliche dort ansässige Atombomben-Produktion zu stoppen. Angeblich in letzter Sekunde…

Warum nur müssen beide Staaten sich auch von Menschen führen lassen, die im Zweifel lieber in die Bibel oder den Koran schauen & auf „Gottes Wort“ vertrauen (oder was sie dafür halten), statt sich an die Verfassung & die Menschenrechte zu halten, wenn sie über Krieg & Frieden entscheiden. Zu meiner Erleichterung halten sich die europäischen Staaten da weitgehend raus. Ob aber die Lieferung von euro­päischen Waffen in die Region in der Vergangenheit da konfliktminimierend wirkte, glaube ich jedoch nicht. Dafür gab es Scharen von Kriegsflüchtlingen, die zunächst im Mittelmeer ertranken, bis die EU sich dann doch mal entschloss, die Menschen aus dem Wasser zu fischen & in Europa willkommen zu heißen, bevor sie elendig ersoffen.

Manchmal bekomme ich Alpträume. Letztens träumte ich, ich wäre meine eigene Katze. Dabei habe ich gar keine! Normalerweise können Katzen auch keine Zeitung lesen. Ich selbst war in diesem Traum auch nicht der, der ich bin. Zwar war ich auch, wie ich es im realen Leben bin, Julian Becker, Taxifahrer, Fahrrad-Schrauber & seit einiger Zeit Single. Auch ebenso voller hochgenialer Ideen, aber sowas von verträumt & realitätsfern, daß ich mir das selbst als meine eigene Katze nicht anschauen konnte. Ohne Antrieb, unter Leute zu gehen, war leicht depressiv, ewig verschlafen. Ich glaube, wenn bei meinem Alter Ego das Glück vor der Tür stehen würde, er würde es problemlos weiterschicken. Genau wie ich voller Ideen die Welt zu verändern könnte, jedoch unfähig bin, diese auch nur auszusprechen oder gar aufzuschreiben. Interessiert ja doch keinen & wenn doch, bestünde immer die Gefahr, jemand würde Anerkennung oder Respekt zollen. Ganz schlimm ist die Vorstellung, es wäre eine lustvoll & positive Erfahrung, sich mit anderen gemeinsam für etwas zu engagieren.

Ich habe als meine eigene Katze versucht, mich wieder auf den Plan zurückzuholen. Ich weiß nicht, mit welchem Erfolg. Mit Fauchen & Kratzen hab ich es versucht, selbst mit Gedanken-Übertragung & Teleportation, um im entscheidenden Moment ihm vor die Füße zu laufen & den Kick zu geben.

Andererseits war das auch eine andere Welt. Den IVten Golfkrieg, die Invasion im Iran, das stand „nur“ als Drohung in der Luft, hatte noch nicht stattgefunden. Aus dem Crash 2009 waren andere politische Konsequenzen gezogen worden. Kein „Bedingungsloses Grundeinkommen“, immer noch Hartz IV & keinen Mindestlohn. Keine EURo-Bonds, die die Europäische Zentralbank zu niedrigen Zinsen an alle EU-Staaten vergab. Stattdessen ein Land wie Griechenland, auch Spanien, Irland & weitere Länder, die hoffnungslos im Kreislauf von Überschuldung, hohen Zinsen, niedrigen Löhnen & eiserner Sparpolitik gefangen waren, die zuverlässig, jede wirtschaftliche Erholung killte. Rechts-Extremismus, Neofaschismus & homophobe Gesellschafts-Konzepte erlebten ungeahnte Blüten.

In Norwegen hat einer eine Insel voller Jugend­licher nieder gemetztelt, nur weil sie in seinen Augen für ein weltoffenes & tolerantes Land eintraten. In Deutschland hat sich rausgestellt, daß eine Gruppe Rechtsradikaler mehrere Leute umgebracht haben & der Verfassungs-Schutz wußte nicht nur davon, sondern fands auch nicht weiter dramatisch. In Ungarn werden Roma staatlicherseits in ihren Wohnvierteln eingemauert, „um die Bevölkerung zu schützen“. Etc pp Usw…

Was für eine Welt !!

Selbst als meine eigene Katze verstand ich, daß sich mein Alter Ego von der Gesell­schaft keineswegs als geschätzten Mitbürger begriff, sondern sich blockiert & de­platziert, ja geradezu als ungewollt & wertlos empfand.

Zu allem Überfluss war in Japan ein AKW bei einem Erdbeben explodiert, was zwar erstaunlicherweise zum Abschalten von etwa der Hälfte der bundesdeutschen AKWs führte, aber auch zu einer massiver Reduktion der Förderung von Solarstrom. Die entsprechende Industrie wanderte dann auch folgerichtig nach China ab.

Ich weiß nicht, was mich bei diesem Alptraum mehr erschütterte. Mein verplantes Alter Ego oder die Welt, in der es lebt. Oder die Vorstellung, seine Welt könnte meine sein, wenn nur ein paar Dinge anders laufen würden oder gelaufen wären…

Ich glaube, es war dessen Gefühl, alles sei falsch & liefe in die falsche Richtung. Sein Unwillen, sich auf das Falsche einzulassen & mitzutun. Als ob die ganze Welt- ein­schließlich es selbst nur ein schlechter Traum sei….

Immer wieder träume ich seitdem diesen Traum & ich überlege verzweifelt, ob & wie ich ihm helfen kann
 – als meine eigene Katze !!!

Jochen

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