Julian Becker – Parallelwelten II

Veröffentlicht: 15. November 2012 von Anke in Parallelwelten

von Jochen G.

Julian Becker glaubte seinen Sinnen nicht mehr. Eben noch war er mit seinem Faltboot & 1 paar Freunden auf der Aller gepaddelt, einem kleines Flüsschen, das sich von Osten in Richtung Weser schlängelte. Die noch heiße Spät-Nachmittagssonne ließ das friedlich dahinfließende Wasser glitzern & schien ihm warm ins Gesicht. Einen Moment hatte er innegehalten & sich mit der Strömung treiben lassen. Die Stimmen der anderen waren hinter der nächsten Flussbiegung verschwunden. Von Ferne muhten ein paar Kühe. Unter dem wolkenlosen Blau des Himmels zog ein Flugzeug leise seinen weißen Kondenz-Streifen hinter sich her. Überall Stille & Frieden. Eine Buhne streckte ihre Ausläufer weit in den Fluss hinein & veranlasste die Strömung sein Boot sanft zu drehen. Lautlos trieb er auf das Ufer zu. Nur der Sand knirschte leise, als es langsam den Grund berührte.
Widerwillig aus seiner stillen Meditation gerissen hob Julian das Paddel & stieß es ins Wasser um sich abzustoßen, als er sich auch schon im kühlen Nass befand & verzweifelt sein Paddel haltend schnell dem Grunde des Flusses entgegen gezogen wurde. Die Aussicht verfärbte sich ins Grünliche & gestattete ihm einen letzten Blick nach oben auf die Spindelform seines Bootes. Er sah, wie es sich vor die noch in dieser Wassertiefe hell strahlende Sonne schob & sie rasch verdunkelte. Auch das Wasser fühlte sich nun merklich kühler an. Mit letztem Atem schwamm er dem Licht entgegen. Ein Wirbel ließ ihn oben & unten vergessen. Er achtete nicht mehr auf das nun brühwarme Wasser. Das Paddel hatte er längst losgelassen, als sein Kopf end­lich die Wasser-Oberfläche durchstieß. Keuchend schnappte Julian nach Luft. Das hätte er lieber nicht tun sollen. Denn das aufgerissene Maul mit den spitzen Zähnen, die nah und groß vor ihm erschienen, gehörte einer riesigen Echse, die ihn nun missmutig aus kleinen bösen Augen aufmerksam anstarrte. Blitzschnell klemmte er sein Paddel hochkant zwischen Ober- & Unterkiefer der Echse ein, was einer wirksamen Maulsperre gleichkam. Die Echse ließ ihm ihr Unbehagen über diesen unbefriedigenden Zustand durch ein lautes Brüllen deutlich wissen. Julians fliegende Finger ertasteten einen handlichen Gegenstand, einen Stein oder eine große Muschel. Hastig richtete er sich in dem metertiefen Wasser auf & warf ihn mit aller Kraft in den Schlund hinein.Offenbar hatte er gut getroffen, denn die Echse begann zu würgen. Das ihr noch immer hochkant in der Schnauze steckende Paddel verhinderte jedoch zuverlässig, dass sie nach ihm schnappen oder ihr Maul auch nur schließen konnte. Julians Befriedigung darüber indes endete jäh, als das Urtier wutentbrannt seine Masse in Bewegung setzte & auf ihn zustürmte. Halbverdaute, glitschige Fischmassen ergossen sich stinkend über ihn. In Panik wich er zur Seite aus, stolperte & wurde unter Wasser gedrückt. Rotblutiger, übelschmeckender Schaum verdeckte ihm die Sicht. Wild mit den Armen rudernd fanden seine Hände Halt an etwas Rundem. Ein mörderischer Ruck riss an seiner Schulter. Er schluckte die faulige Brühe, ließ aber nicht los. Die mächtige Wasser-Schildkröte, an dessen Panzer er sich verzweifelt klammerte, strebte eilig dem Geschehen davon. Kaum zu Atem gekommen, packte ihn etwas & er spürte, wie er in hohem Bogen durch die Luft gewirbelt wurde.
„Die Dinge entgleiten mir. Ich sollte etwas dagegen tun“, überlegte er in einem weit abgekoppelten Teil seines Bewusstseins, als er auch schon krachend auf dem Land aufschlug.
„Immerhin ist es trocken hier“, dachte er. Der Geruch nach warmen Sand & grüner Wiese stieg in seine Nase auf. Er hörte Insekten summen & glaubte riesige Libellen wahrzunehmen, die ihn umschwirrten. Die heiße Sonne knallte auf seinem nackten Rücken.

Julian rang nach Luft. Ächzend hob er den Blick & sah in das wütende Gesicht eines glutäugigen Wesens. Eine lange gespaltene Zunge kitzelte seine Nase. Er nieste.
„Willst Du nicht endlich Deine Entscheidung treffen??“ knurrte der Gehörnte.
„Leben!!“, keuchte Julian.

Jemand drehte ihn um & schüttelte ihn kräftig. Geblendet verschloss er die Augen vor dem hellen Licht der Sonne. Langsam schälte sich daraus ein Gesicht mit blonden Haaren hervor. Grüngraue Augen blickten ihn besorgt an.

„Geht´s Dir gut?“ fragte die Frau.

„Teufel“, stöhnte Julian, „Jetzt auch noch Engel !!!“

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