„Guten Morgen, bitte setzen!“ – Erste Kontakte mit Lehrern und Lehrerinnen

Veröffentlicht: 16. Dezember 2013 von Anke Fischer in Autobiografisches Schreiben
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Die erste Lehrerin

„Händchen falten, Schnabel halten!“   Bis weit über die letzte Reihe hinaus schallte ihr Ruf. Da stand sie, vorn am Pult, mit einem Kreidestummel in der Rechten. Funkelnde Augen strichen über die Schülerköpfe. Das leiseste Murmeln erstarb unter diesem Blick. Dann sahen wir nur noch ihre blonde Dauerwelle, hörten Kreide quietschen, schreien, atmeten feuchtes Linoleum.

Vor jedem von uns ein grobes Holzpult mit eingefräster Griffelrinne und ausgefrästem Rund für das erwartete Tintenfass. Die Kreide hatte jetzt geräuschvoll, einmal gar entzweibrechend, mit dem Reststummel sofort weiterquietschend viele zusammenhängende weiße Schnörkel auf dem Tafelgrün hinterlassen.
Dank Omas schwäbischem Ehrgeiz und auch dank ihrer Bahlsen-Keksdose mit den kreisrunden Schokoladenkeksen darin, war ich in der Lage die Schnörkel an der Tafel zu entschlüsseln.
Dort stand: „Mein Name ist Elfriede Strumpel.“
Diese grimassierte nun eine Art Lächeln, wobei sie auf die Fußspitzen wippte und wieder zurück.
Wäre ich damals ein erfahrener Psychologe gewesen, so hätte ich die Lehrerin für nervös gehalten, für angespannt und auch für aggressiv.
Aber ich war nur ein Schüler von sechs Jahren, der in seiner ersten Schulstunde saß, der brav die Schultasche mit Schiefertafel, Griffel und Schwammdose von daheim zur Schule getragen hatte und der nun hier saß, in der hintersten Bank im ältesten Klassenraum der Dorfschule am Bokelbergsweg.
Auf dem Schulhof hatte mich Johann Mühlstedt begrüßt, der freundliche dicke Hausmeister in seinem grauen Arbeitskittel. Er hatte für die meisten Schüler ein freundliches Wort, verteilte zeitweise halbfreundlich gemeinte Kopfnüsse und kontrollierte in der großen Pause, nachdem er Milch- und Kakaotüten verteilt hatte, die Jungentoillette, die aus einer umlaufenden Rinne an der Wand des Klohäuschens bestand. Johann achtete darauf, daß niemand danebenpinkelte, weil er dann aufwischen mußte. Durch die Kopfnüsse waren wir aber gewarnt und passten auf.
Frau Strumpel wippte jetzt nicht mehr. „Wer kann das lesen?“ fragte sie und fixierte dabei einen Punkt an der Wand direkt über mir, aber doch sehr viel weiter weg.
Ich fühlte, wie mir die Wärme den Rücken heraufkroch, gleich würde ich wieder rot werden.
Neben mir in der Bank hatte eben noch die Gaby mit den blonden Zöpfen, die sie mit Gummibändern zusammenhielt, gezappelt. Nun starrte Gaby reglos auf ihre leere Schiefertafel, schien wie erfroren, atmete nicht mehr.  Vor der Stunde war sie noch sehr lebendig gewesen, hatte sich fröhlich mit ihrer Freundin Amelie unterhalten, die drei Reihen vor uns saß. Frau Strumpels Blick senkte sich jetzt wirklich auf mich, so als ob sie wußte, daß ich schon lesen konnte.
„Na, Ulli, wie ist es mit dir? Du kannst das doch sicher schon lesen?“ Ich schwieg zunächst für einen endlosen Moment, überlegte, ob sie mich wirklich gemeint hatte, spürte den Linoleumgestank in meine Nase kriechen, dann hob ich langsam den Kopf und sagte „Ja“.
Meine Mitschüler sahen nun fast alle zu mir her. Nur der dicke Berthold bückte sich nach seinem hinuntergefallenen Griffel, der auf dem Fußboden geräuschvoll auf Frau Strumpel zurollte. Diese stand jetzt mit einem Holzlineal in der Rechten vor Berthold, als er sich wieder aufrichtete. „Hände ausstrecken!“ rief sie heiser, er tat es und sie schlug zu. Berthold zog die roten Finger zurück, ohne ein Wort, sein Gesicht verzog sich, die Augen schimmerten feucht.
Frau Strumpel stand bereits wieder an ihrem Pult, ihr Blick war auf Berthold gerichtet, so als wolle sie ein erlegtes Stück Wild kontrollieren, ob es auch wirklich tot war.
Es war stiller als still.
„Nun aber, Ulli!“ schrillte die Stimme vom Pult….

U.N.

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In der Grundschule  (1958)

Es ist der erste Schultag nach den großen Ferien. Mit freudiger Erwartung mache ich mich auf den Weg zur Schule. Unterwegs treffe ich Ingo, der gegenüber von uns wohnt. Er freut sich auch schon, und wir unterhalten uns über unsere Ferien. Ich war drei Wochen am Wörthersee . Und er hat mit den Eltern eine Italienreise mit dem Auto gemacht. Wir brauchen nur eine Viertelstunde bis zu unserer neuen Pavillonschule am Rüdesheimer Platz.
Die Schule ist im Bungalowstil erbaut, jeweils drei Klassen einer Klassenstufe sind in einem Gebäude zusammengefasst. Dabei sieht man von jedem Raum in die Gartenanlagen, denn die Räume liegen im 90Gradwinkel zueinander. Stolz betreten wir das Gebäude, in dem die dritten Klassen untergebracht sind. Wir kennen unseren neuen Raum schon, denn vor den Ferien haben wir alle geholfen ihn einzurichten.
„Hallo Fulvia, Katja, Gisela, Christel und Michaela!“
Wir sechs Freundinnen sitzen in der letzten Reihe. Alles schnattert durcheinander.
Da geht die Tür auf, und Frau Klever kommt herein. Sie lacht, als sie uns sieht, und wir stehen auf.
„Guten Morgen, Kinder!“   „Guten Morgen, Frau Klever!“  „Bitte setzt euch!“
Doch bevor es losgeht, wird jedes der 33 Kinder aufgerufen , damit Frau Klever einen Haken hinter den Namen im Klassenbuch machen kann. Danach folgt ein weiteres Ritual: „Was singen wir denn heute?“
Natürlich wird wieder „War einst ein kleines Segelschiffchen“ gewünscht, denn das Lied hat 11 Strophen.
„Na gut“, lacht Frau Klever, „weil heute der erste Schultag ist“.
Wir singen mit Inbrunst, und Frau Klever spielt auf ihrem Akkordeon dazu.
Dann kommt die Erzählrunde. Einen Stuhlkreis können wir bei den vielen Kindern im Klassenraum nicht bilden, aber unsere Tische sind wie ein U gestellt, sodass wir uns alle ansehen können.
Meine Freundin Gisela meldet sich. Sie erzählt von ihren Ferien im Bayerischen Wald.
„Und was war dein schönstes Ferienerlebnis?“, fragt Frau Klever.
„Als wir alle im Wald waren und mein Papa plötzlich ganz dringend aufs Klo musste.
Mama und ich sicherten den Weg nach beiden Seiten ab und meine Geschwister pflückten Blätter als Klopapier!“
Gisela grinst begeistert in die Runde. Wohin ich auch gucke, sehe ich nur in Gesichter, die sich das Lachen mühsam verkneifen. Manche Kinder halten sich den Mund zu, während andere schon losprusten.
„Nun ist aber Schluss“, sagt Frau Klever streng. „Weiter möchte ich nichts hören!“
Zu schade!
„Es ist so schönes Wetter, lasst uns nach draußen gehen und eine Runde tanzen!“
Sofort sind wir abgelenkt und stellen uns auf, um zu unserem Tanzplatz in einer Ecke des Gartens zu gehen. Frau Klever spielt auf dem Akkordeon, und wir proben die Tänze für das diesjährige Sommerfest.
Drei Tage später. Wir brüten gerade über unseren Matheaufgaben, als es klopft. Giselas Vater steckt den Kopf zur Tür herein.
„Oh, Herr Versümer, einen kleinen Moment noch, es klingelt gleich“, sagt Frau Klever.
Ihre Stimme zittert leicht, und sie dreht sich zur Tafel um.
Aber wir haben genau gesehen, wie sie lächeln musste!

Elvira Nacktschnecke

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Einschulung

Sommer 1948: Ihre Eltern bereiten sie auf die Einschulung vor. Und nun soll sie ihre kleine Welt, in der sie sich so herrlich eingerichtet hat, aufgeben. Sie liebt ihre Puppen, die Teddys, ihr Klavier, die Kinderbücher und ihren kleinen schwarzen Dackel, der auf den Namen Purzel hört. Diese Schätze soll sie für einen halben Tag allein lassen?
Am 1. September 1948 steckt ihre Mutter sie in ein selbst genähtes Kleid, gestrickte Strümpfe, am Ende der geflochtenen Zöpfe halten zwei rote Schleifen diese zusammen. Die Schuhe und der Ranzen sind aus Igelit. Igelit ist ein Werkstoff, der sich im Sommer weitet und im Winter starr ist. Also rutscht sie im Sommer in den Schuhen hin und her; gegen Abend sind die Strümpfe feucht vom Schweiß. Die Schnallen am Ranzen bekommt sie im Winter selten durchgezogen, weil sie sich überhaupt nicht bewegen lassen.
Aber ganz klassisch hängen an je einem Band ein Schwämmchen und ein kleiner Lappen zum Putzen der Schiefertafel am Ranzen heraus. Eine Holzgriffelmappe besitzt sie auch. Ihre Mutter trägt die Zuckertüte und sie ein kleines Stühlchen, das die Neulinge mitbringen sollen.
Da stehen Mutter und Tochter nun vor einem zweigeschossigen kleinen Gebäude. Im ersten Obergeschoss ist der Klassenraum, klein und eng ist er. Es ist die erste Schule in der Stadt, in der gemeinsam Jungen und Mädchen unterrichtet werden sollen. Bisher gibt es nur Jungen- oder Mädchenschulen. Die im Vorfeld immer wieder gelobte ältere Dame, die sie in Empfang nimmt, soll die „hervorragende und einmalige Pädagogin“ sein. Fräulein Hintsche. Und dabei hätte sie so gern eine nette Lehrerin gehabt; mit dem Wort Pädagogin kann sie am Einschulungstag auch gar nichts anfangen. Diesen Begriff müssen ihr erst einmal die Eltern erklären.
In dem kleinen Raum stehen je zwei Tische zusammen geschoben, so dass acht Schülerinnen und Schüler daran sitzen können. Es sind drei Tischinseln.
Der Unterricht beginnt mit einem Spiel. Die Schüler stellen ihre mitgebrachten Stühlchen abwechselnd in einer Reihe auf, zu verschiedenen Kinderliedern spielen sie nun „Die Reise nach Jerusalem“. Ist schon aufregend, bei den vielen unbekannten Mitschülern immer auf der Hut zu sein, um einen Stuhl rechtzeitig zu ergattern. Da, ein Schrei, ein Krachen von zerbrochenem Holz. Und ausgerecht ihr Stühlchen, auf das sie so stolz ist, ist es, das der Last eines etwas dicklichen Mädchens nicht Stand gehalten hat. Völlig entgeistert steht sie davor, weiß nicht, ob sie traurig oder wütend sein soll. Die „hervorragende Pädagogin“ tröstet sie nicht etwa, nein, diese Frau ist der Meinung, dass ihre Eltern als Geschäftsleute ja Geld hätten und den zerborstenen Stuhl ganz leicht ersetzen können.
Nun nimmt sie ihren Ranzen, sammelt die Holzstückchen ein, verlässt schweigend den Raum und geht nach Hause.
Am darauf folgenden Tag bringt ihre Mutter sie mit einem neuen Stuhl zur Schule. Keines Blickes würdigt sie die Frau, nein, sie sitzt teilnahmslos vor einer Aufgabe: Eine Birne, einen Apfel und eine Pflaume sollen abgemalt werden. Die Pädagogin hat kleine Kärtchen mit diesen Früchten und den dazu gehörenden Begriffen gemalt bzw. geschrieben. Die Früchte sollen nachgemalt werden. Das gelingt ihr, denn sie hat bereits bei einem bekannten Kunstmaler der Stadt Zeichenunterricht.
Wenn vorgelesen wird, sind die Bücher, die sie aus dem Buchhandel ihrer Eltern mitbringt, meist nicht „kindgerecht“ und, und, und. Und dabei hat sie doch so viel Freude an den Märchen von Hauff und Andersen.
Immer wieder provoziert sie Fräulein Hintsche. Es schmerzt. Das kennt sie nicht, dieses Verhalten eines Erwachsenen ist ihr neu und unbekannt.
Zu einer Unterrichtsstunde bringt die Pädagogin kleine bunte und ein paar etwas größere Ostereier aus Zucker mit. Nun bekommt sie, die Schülerin, die Schale und soll in der Fülle dieser Farben ihrer Banknachbarin ein Ei geben. Eine Farbe gefällt dem kleinen Mädchen ganz besonders gut: maigrün. Sie gibt der Klassenkameradin eben eines der maigrünen Eier. Das Ei ist noch in ihrer Hand, als ein Donnerwetter auf sie niederprasselt. „Man gibt immer das Schönste, das Größte!“ Sie kam gar nicht dazu, auch nur eine kurze Erklärung abzugeben, weshalb sie gerade dieses Ei gewählt hat. In der Pause nimmt sie zum zweiten und letzten Mal in ihrer Schullaufbahn ihren Ranzen und geht nach Hause und berichtet unter Tränen von dem Vorfall. Sie wird natürlich von ihren Eltern getröstet. Dabei hat sie doch alles „richtig“ gemacht. Die Feindschaft wächst von Tag zu Tag.
Und nur diese eine Person haben sie als Lehrerin in der ersten Klasse; die Vormittage sind ungebührlich lang und somit nimmt das gesamte erste Schuljahr kaum ein Ende.
Ihr Ehemann Peter, der zwei Jahre vor ihr eingeschult wird, darf ebenfalls das erste Jahr diese „hervorragende Pädagogin“ kennen lernen – und er macht die gleichen Erfahrungen. Ob es wohl daran liegt, dass sie beide Kinder von Geschäftsleuten sind?
Kürzlich findet sie folgende Aussage des Liedermachers und Sängers Reinhard Mey in einer Tageszeitung.
„Meine Erinnerungen sind überlagert von dunklen Empfindungen, von Demütigung, Willkür und Unfreiheit, die ein neugieriges, wenn auch eigenwilliges Kind fast zerbrochen hätten“. Einige wenige „Leuchtturmlehrer“ hätten ihm geholfen, den „Albtraum Schule“ zu überstehen. Sie hätten ihm gezeigt, „dass Mut, Großzügigkeit und Liebe die wichtigsten Lernziele sind“ (gefunden in der „Mitteldeutschen Zeitung“ im November 2013).
Aber auch sie hat in den folgenden Schuljahren immer wieder einige „Leuchtturmlehrer“ kennen lernen dürfen. Auch sie hat die Schule überstanden, hat den Beruf der Lehrerin gewählt. Eine hervorragende Pädagogin ist sie nicht gewesen, sie hat ihren späteren Schülern aber gezeigt, dass „Mut, Großzügigkeit und Liebe die wichtigsten Lernziele sind“.

Lilo Sadrach

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