Schönheit & Reichtum

Veröffentlicht: 11. März 2015 von Anke Fischer in SchreibNächte
Schlagwörter:

Texte zum Thema „Schönheit“ und „Reichtum“,
die in der 1. Bremer SchreibNacht im November 2014
entstanden sind:

Schreibnacht 2
Foto: Andrius Batalauskas

 

SCHÖNHEIT

Schön! Dann soll es wohl so sein! Ihre Abschiedsworte klangen mir noch lange nach und machten sich in meinem Herzen breit. Schwermut lastete auf meinem Gemüt. Ich hatte dem nur meine Trotzigkeit entgegenzustellen. Schön! Dann soll sie doch gehen, ich sage auf Nimmerwiedersehen. Was macht es mir denn schon, wenn sie meine Liebe nicht zu schätzen weiß. Ich komme allein zurecht, aber sie? Sie tauscht doch unsere aufregende Zweisamkeit gegen ihre selbst gewählte Einsamkeit.

Schön! Dahin geht sie nun, tief gekränkt und verletzt. Durch meine Worte, wie sie sagt. Dabei hatte sie doch darauf bestanden, dass wir uns stets die Wahrheit sagen wollten. Und nun bin ich ehrlich, aber das war ihr dann auch nicht recht. Wenigstens nett umschreiben hätte ich es können, meinte sie vorwurfsvoll mit Tränen erstickter Stimme. Ja – was denn nun? Ich habe mich an unsere Abmachung gehalten!

Schön! Dann war ich eben ein wenig unsensibel. Aber sie war berühmt dafür, alles Gesagte auf die Goldwaage zu legen, um es nach Erträglichkeiten abzuwiegen. Immer wieder meinte sie rätseln zu müssen, was ich denn nun schon wieder gemeint haben könnte. Meine oftmals geradezu verzweifelte Suche nach der richtigen Wahl der Worte, trieb mir oft genug den Schweiß – ja den Angstschweiß – auf die Stirn.

Schön! Ich kann es nun mal nicht mehr ändern. Gesagt ist gesagt. Da beißt keine Maus den Faden ab.

Aber eine Schönheit war sie nun mal nicht!

REICHTUM

Nein – eine Schönheit war sie wahrlich nicht – aber reich!

JHanik

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Ich komme wieder

Sie ist keine stolz aufragende Lilie mit weißen eleganten Blütenkelchen, die berauschenden Duft ausströmt. Eine Blume mit großen Bedeutungsschwangerschaften für Bräute und Beerdigungen ist sie auch nicht.

Sie ist keine dicht gefüllte englische Rose mit langem Stammbaum und adeligem Namen, die tiefgründige, sehnsuchtsvolle Duftbouquets aussendet.

Nein, sie ragt uns nicht entgegen in Nasenhöhe, sondern wächst uns zu Füßen: Klein, ausgebreitet mit ihresgleichen auf Wiesen und Grasflächen.
Nichts geringeres als die Sonne hat sie als Zentrum ihres Seins, umrahmt von feinsten weißen Blütenblättchen. Zart und stark beherrscht sie die Fläche.

Und machst du dir die Mühe, an ihr zu schnuppern, dann ist da plötzlich ein Duft nach warmer Geborgenheit, wie du ihn aus Kindheitstagen kennst. Und jetzt musst du einfach einen Kranz binden – wie damals, ihn aufs Haar setzen und durch die Wiesen schlendern.

Am nächsten Tag kommt der große Rasenmäher zum Metzeln. Fort ist deine Freundin, das Gänseblümchen. Traurig musst du nicht sein, weil übermorgen wieder alle da sind und ihre Sonnenköpfchen straff und keck, als ob nichts gewesen wäre, in die Gegend recken.

Irene Jasca

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Leuchten

Ihre Fesseln, Füße und Beine waren immer noch mädchenhaft schlank.
Darüber saß jedoch ein klassischer Klimakteriumskörper mit breiten Hüften und taillenlosem, leicht massigem Rumpf.

Sie hatte von den Französinnen gelernt, das Beste an sich zu betonen, herauszustreichen, in Szene zu setzen. Wie ihr das jetzt helfen sollte, aus der trüben Stimmung herauszukommen, als ihr klar war, dass der schlanke Körper endgültig perdu war.

Sie löste ein Bahnticket nach Hamburg. An die Alster sollte es gehen, in die besten Geschäfte, Schuhgeschäfte. Die Verkäuferinnen bewunderten ihr elegantes Bein und den schlanken Fuß in den Seidenstrümpfen. Und bald waren türkisfarbene Highheel-Sandälchen mit feinen Riemchen gefunden, die sich verliebt an ihre Füße schmiegten.

Verschwunden war der Trauerflor, der ihre dunklen Augen umgeben hatte. Mit kleinen anmutigen Schritten spazierte sie am Alsterufer entlang, und sie genoss den Hüftschwung, der ihr lange Zeit abhanden gekommen war.

Sie genoss auch den Blick gleichaltriger Männer, denen ihr Leuchten in den Augen aufgefallen war und nicht nur ihr Leuchten in den Augen.

Irene Jasca

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EIN BLICK AUS VIELEN AUGEN

„Ach, ist es nicht herrlich hier?“
Seufzend streckte sie alle Achte von sich und machte ein paar Dehnübungen. Sie hatte in der letzten Woche zu hart gearbeitet, doch die Früchte ihrer Arbeit ließen sich sehen: Ihr prächtiges Netzt hing voll mit fetten Fliegen und Mücken, die sie nun eine nach der anderen genüsslich verspeisen würde. Noch einmal ließ sie den Blick über ihre derzeitige Heimstatt schweifen; ein Gewächshaus von nahezu monströsen Ausmaßen, bestückt mit Palmen, Farnen, Orchideen und allerlei anderen exotischen Schönheiten. Die Zweibeiner, die des sonntags inmitten dieser Pracht lustwandelten, riefen ihr Entzücken jedesmal laut hinaus:
„Seht nur, diese Farbe!“
„Welch vollendete Form dieser Blütenkelch hat!“
„Oh, atmet diesen Duft! Ist er nicht betörend!“
Doch die Spinne, die still und heimlich zwischen Palmwedeln hockte, wusste genau, dass dies nur ein Spiel war. Es diente den Zweibeinern, um Kontakt untereinander herzustellen; vornehmlich zwischen denen mit den merkwürdig schrillen Stimmen und jenen mit den Türmchen auf dem Haupt. Sie sahen die Schönheit ihrer Umgebung nicht, sie gaben es nur vor, um heimlich aus dem Augenwinkel die vermeintliche Schönheit ihres Gegenübers zu betrachten.
Die Spinne wusste das und verachtete die Zweibeiner für ihre oberflächliche Art der Betrachtung. Sie, die in ihrem Leben viel herumgekommen war, erkannte wahre Schönheit, wenn sie sie sah. Darum fühlte sie sich so wohl an diesem Ort. Jeden Tag, sobald das erste Licht durch die hohen Fenster fiel, ließ sie ihre mannigfachen Augen rollen und entdeckte den Garten auf’s Neue: die sanfte Krümmung eines Halmes, die zarten Härchen auf rosa Blütenblättern, die unzähligen Wassertröpfchen, in denen sich das Sonnenlicht brach. Manches mal glaubte sie, der Sinn ihres Daseins bestünde nur darin, all diese Pracht zu schauen. Was wussten schon die Zweibeiner!
„Oh, mir ist so wohl an diesem behaglichen Platze“, sagte die Spinne. „Geht es Euch nicht ebenso, Frau Nachbarin?“
Sie bekam keine Antwort.
„Heda, Frau Nachbarin! Macht Ihr an diesem sonnigen Vormittage etwa ein Nickerchen?“
Doch von Frau Nachbarin drang kein Laut zu ihr herüber. Rasch krabbelte die Spinne zum äußersten Rand ihres Netzes und spähte hinüber zur Kokospalme.
Frau Nachbarin gab es nicht mehr; zumindest nicht mehr so wie am gestrigen Tag.
Das sorgfältig gesponnene Netz hing in Fetzen herab und Frau Nachbarin war nur noch ein Schatten ihrer selbst: ein breitgeschlagener Fleck auf Palmenhaut.
Die Spinne seufzte.
„Ach, diese dummen Zweibeiner.“

J.W.

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Bin ich schön?

Sie betrachtete sich im Badezimmerspiegel.
„36 und 46“, sagte sie. „Ein schönes Gesicht muss den richtigen Abstand zwischen Augen, Mund und Ohren haben. 36% und 46%. Aber wie geht das nochmal mit der Prozentrechnung?“
Sie wollte überprüfen, ob sie der wissenschaftlichen Definition eines schönen Gesichtes entsprechen würde. Der Abstand zwischen Augen und Mund soll 36% der Gesichtslänge betragen. Sie sah sich in die Augen und zermarterte sich das Gehirn, ob in einer dieser Gehirnwindungen noch irgendwo etwas von Prozentrechnung hängengeblieben wäre. Mathe hatte sie noch nie interessiert. So starrte sie weiter in den Spiegel, betrachtete ihre hohe Stirn, die leicht geschwungenen Augenbrauen, entdeckte kleine dunkle Pünktchen in den sonst blauen Augen.
„Meine Nase ist zu groß“, dachte sie. „Und der leichte Knick auf dem Nasenrücken gefällt mir auch nicht. Aber meine Lippen finde ich schön.“
Sie hatte volle Lippen von zartrosa Farbe.
„Mein Mund ist gerade richtig, nicht zu groß und nicht zu klein.“
Ihr fiel der große Mund von Julia Roberts ein. Die könnte bestimmt einen doppelten Big Mac auf einmal in den Mund kriegen! In den Staaten beobachtete sie mit großer Faszination in den Burger Restaurants Menschen, die gewaltige Burger mit ein paar Bissen verschlangen. Das war ein anderes Schönheitsideal als in Europa. Große Münder und dicke Lippen galten als sexy.
Sie tippte mit ihrem Zeigefinger in ihr Grübchen im Kinn.
„Da hat der liebe Gott dir einen Fingerzeig gegeben.“
Mit diesem Satz stupste ihre Oma oft gegen ihr Kinn. Und sie stupste zurück, denn die Oma hatte genauso ein Grübchen wie sie. In den Gedanken an diese Szene lächelte sie sich an, ihr Blick veränderte sich. Sie sah ihre langen blonden Haare, die geröteten Wangen, die blauen Augen und fand sich schön, ganz ohne Prozentrechnung!

H.V.

 

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REICHTUM

Wie jeden Morgen vor dem Frühstück begab sich die Dame des Hauses zu ihrem hauseigenen beheizten Swimmingpool. Mit einem eleganten Sprung sprang sie in den Pool – und brach sich das Genick. Ihr erfolgreicher Geschäftsmann-Gatte hatte das Wasser an einen arabischen Wüstenstaat verkauft.

Der Ehemann erfuhr auf der Yacht eines arabischen Emirs vom schicksalhaften Sprung seiner Frau. Er machte ihr postum große Vorwürfe, trug sie die Nase doch zeitlebens himmelwärts gerichtet, so dass ihr Blick selten am Boden haftete.

Während der Trauerfeier am offenen Grab ereigneten sich weitere Unglücksfälle. Mehrere Trauergäste fielen in das ausgehobene Grab. Auch bei diesen Opfern stellte die Polizei frapant geformte Himmelfahrtsnasen fest.

Kompliment! Du hast es offenbar geschafft. Bungalow, Yacht und eigene Pferde. Alle Achtung. Frau und Kind wohlauf? Ach – die Tochter in der Therapie und deine Frau beim Pferdepfleger!

Ich bin reich, sprach voller Stolz der Pfeffersack – und platzte aus allen Nähten

JHanik

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Reichtum

Sie sitzt auf dem Klo – und starrt die öden, blöden Kacheln an. Nichts will ihr einfallen; nichts.
Vakuum im Kopf, wo vorher Fülle war.

Für sie so ein abstrakter Begriff „Reichtum“.
Leere, so grau wie die Wand, da will kein kreativer Text sprudeln mehr.

Sie sitzt auf dem Klo. Immer noch verzweifelt … schaut sie nach oben an die Decke.

!DA!   –   Wie in einem surrealen Film hängen von einem weißen Kronleuchter gelbe Plastik-Badewannen-Enten mit Bademützen oder Spiegeleiern auf dem Kopf, pinkfarbene Plastik-Stiere und anderes tierische Plastikbadewannenutensil.

Die hängen da ganz selbstverständlich ruhig und blicken lächelnd auf sie herab.
DAS IST REICHTUM!:   Da hat einer zwei ganz verschiedene Welten an einem wieder ganz anderen Ort zusammengeführt. Er hat seine innere Welt zum Leuchten nach außen gebracht – auf dem Klo. Und du siehst das nur, wenn du nicht nur pinkelst, das Klopapier abreißt und die Wasserspülung betätigst.

Irene Jasca

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Ekelpaket

Der Mann war ein Sechser im Lotto! Höflich, gebildet, charmant und Besitzer einer großen Firma, vom Großvater gegründet. Als er sie zum ersten Mal in sein Zuhause einlud, war sie beeindruckt. Es gab Antiquitäten überall, und der Garten glich einem französischen Park. Die Rasenfläche war makellos, die Büsche, Bäume und Hecken zurechtgestutzt. Blumen gab es nicht. Er kannte alle Persönlichkeiten, die in der Stadt etwas zu sagen hatten und nahm sie zu Treffen mit. Sie erfuhr, dass er viele Wohnungen in verschiedenen Orten besaß, alle teuer und geschmackvoll eingerichtet.

So fing es an, und sie war überglücklich, als er ihr einen Heiratsantrag machte. Sie hatte Jura studiert und war Angestellte in einer kleinen Sozietät. Dort brauchte sie nun nicht mehr zu arbeiten. Von jetzt an konnte sie in den teuersten Boutiquen einkaufen und bekam erlesenen Schmuck geschenkt.

Er war speziell, merkte sie bald. Eine Putzfrau kam ihm nicht ins Haus. Er zeigte ihr, wie sie die Seidenteppiche vorsichtig in eine Richtung saugen musste. Die Auslegware im Jagdzimmer bekam eine besondere Behandlung. Mit einer speziellen Düse wurde eine Reihe mit und eine Reihe gegen den Strich gesaugt. So entstand ein besonderes Muster. Aber wehe, sie trat auf einen schon gesaugten Teil! Da konnte er sehr böse werden.

„Ekelpaket“, dachte sie dann und tat alles, um den Schaden wieder gut zu machen.

Gern betrat sie das Zimmer ohnehin nicht. Die zahlreichen Jagdtrophäen an den Wänden gruselten sie und schienen ihr mit den Glasaugen zu folgen.

Bevor er in eine seiner zahlreichen Häuser und Wohnungen reiste, musste sie hinfahren, alles säubern, einkaufen fahren, kochen und ihn dann gebührend empfangen. Meistens war er unzufrieden.

„Ekelpaket“, dachte sie dann und lächelte ihn an.

Es war ihm wichtig, dass sie eine schlanke Figur behielt. So joggte sie täglich lange Strecken und ernährte sich mittags nur von Äpfeln. Bald war sie so hager, dass sie ihre Kleider nicht mehr ausfüllte. Doch das Laufen und die Disziplin beim Essen halfen ihr, den Frust auszuhalten.
Wenn er besonders verletzend gewesen war, heulte sie sich bei seiner Sekretärin aus.
Ihrer Familie und den Freunden wollte sie davon nicht berichten.

Dann kam wieder eine Einladung zu einem speziellen Event, an dem sie repräsentieren konnte. Da war ein neues Designerkleid fällig und auch das eine oder andere Schmuckstück konnte ausgeführt werden.

Das war es ihr wert!

H.V.

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