Noch mehr Reizwortgeschichten

Veröffentlicht: 12. Mai 2015 von Anke Fischer in Kreatives Schreiben
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Reizwortgeschichte mit den Wörtern:

grün – fressen – schlammfarben – Schokolade – Froscheier – entledigen

Der Rausschmiss (Erzählperspektive interner, personaler Erzähler)
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»Verdammter Mist, sie kann mich doch nicht einfach aus dem Zelt schmeißen – mitten in der Nacht.«, dachte Friedhelm laut vor sich hin. Was musste Carola auch dieses blöde Spiel vorschlagen?! Nur, weil sie sich beim Camping immer langweilte: »Truth or Dare«

»Wie?«, Das Spiel kannte Friedhelm nicht.
»Na, Action ou Vérité.« Carola hob die Augenbrauen.
»Und auf Deutsch?« fragte Friedhelm und dachte ‚Du verwöhnte Bildungsbürgertums-Schnalle‘.
»Na, Wahrheit oder Pflicht!« antwortete Carola und rollte ihre Augen gegen die schlammfarbene Decke des Zeltes. Mit dieser ‚Mein Gott, bin ich mit einem ungebildeten Mann verheiratet‘-Mine.
Na gut, dann spielen wir eben Wahrheit oder Pflicht. Und gleich mit ihrer ersten Frage hatte sie es geschafft, sich seiner zu entledigen: »Bist Du während unserer Ehe schonmal fremd gegangen?«
Vor Schreck wurde Friedhelm ganz grün im Gesicht und spuckte die heiße Schokolade auf den Zeltboden.

Und jetzt, nachdem sie ihn auf seine ehrliche Antwort hin rausgeschmissen hatte, irrte er seit zwei Stunden durch den Wald. Wovon sollte er sich hier ernähren? Sollte er Froscheier fressen?

FHV

Zwei Spione, ein Bahnsteig, jemand verschwindet (Erzählperspektive Neutraler Erzähler)
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Der letzte Waggon des Güterzuges verschwindet in der Ferne, im Flirren der heißen Luft wirkt er merkwürdig verzerrt, der Lärm ebbt ab. Das Quietschen der Räder wird dünner und erstirbt ganz.
In der heißen Luft der Bahnhofshalle hängt noch der Geruch von verbranntem Metall, die aufgewirbelte Luft treibt eine Plastiktüte mit schleifenden Geräuschen über den leeren Bahnsteig.
Die stillstehenden Zeiger der Uhr über dem Gleis zeigen 12 Uhr, im gesprungen Glasgehäuse ist ein dunkler Belag von toten Insekten. Mit metallischen Kreischen fällt der Arm des Zugsignales in die Halteposition, das Sirren der plötzlich gestrafften Stellseile klingt ab.
In der folgenden Stille ist leises Gemurmel zu hören.
Auf der Bank mitten auf dem Bahnsteig zwischen den Gleisen sitzen zwei Männer, mittelalt, mittelgroß, mittelunauffällig.
Der eine von Ihnen trägt einen kahlen Schädel auf einem kräftigen Brustkorb, er wippt mit den Stiefeln in schnellen, kleinen Bewegungen auf und ab. Eine verblichene, an einigen Stellen aufgerissene Jeans steckt in den Stiefeln, auf seinem eng sitzenden, schwarzen Shirt ist ein Totenkopf zu sehen, darunter der Name einer Band. Seufzend richtet er sich auf, verschränkt die Arme vor der Brust. Die Tätowierungen auf seinen braungebrannten, nackten Oberarmen werden durch die Bewegungen der dicken Muskelstränge lebendig. In seinem Mund zwischen dünnen Lippen wandert ein Zahnstocher von links nach rechts und wieder zurück.
Helle, fast weisse Augen unter dünnen blonden Augenbrauen mustern seinen Nebenmann.
Der ist trotz der Hitze in einem dicken, grau-beigen Trenchcoat versunken, hat eine fast abgebrannte Zigarette zwischen den braunen, kleinen Zähnen stecken. Struppiges, schwarzes Haar umrahmt ein schmales Gesicht mit eng stehenden, schwarzen Augen. Dünne Beine stecken in einer ausgeblichen Armeehose und enden in schräg abgelaufenen, schwarzen Armeestiefeln.
Er spuckt den Zigarettenstummel aus, der sich überschlagend und funkensprühend im Gleisbett landet.
Er hustet bellend, und spuckt einen Schleimbrocken der Zigarette hinterher.
„Also noch mal langsam und von vorn“, wendet er sich an den Glatzkopf.
„Du sagst mir, dass Eure Leute den General gestern aus den Augen verloren haben?“
Glatzkopf schiebt den Zahnstocher nach rechts, folgt mit den Augen einer vorbeifliegenden Taube.
„Nicht direkt, Brüderchen. Sagen wir es mal so: Wir hätten ihn nicht aus den Augen verloren, wenn uns gestern nicht so ein Idiot bei der Übergabe die Vorfahrt genommen hätte. Ein alter grüner Wartburg, mit getönten Seitenscheiben und ohne Licht. Kommt Dir nicht zufällig bekannt vor, dieses Auto?“
„Hey, hey, was höre ich denn da raus?“ Trenchcoat hat sich aufgerappelt, fördert aus einer der Taschen eine zerknitterte Packung Zigaretten zu Tage.
„Grüne Wartburgs gibts viele, mein Freund. Kein Grund, gleich so Sachen zu denken!“.
Er fummelt eine Zigarette aus der Packung, steckt sie an.
„Und noch was: Egal, woher der Wartburg kam und wer den fuhr: Davon lasst Ihr Euch aufhalten?“
„Naja…“
Der Zahnstocher wandert nach links.
„Merkwürdig war auch, dass der Kollege in Warteposition nicht eingreifen konnte, weil direkt vor seinem Wagen ein Pärchen ausgiebig geknutscht hat.“
Trenchcoat lacht kurz, hustet, atmet keuchend ein.
„Jaja, die Liebe in heißer Nacht. Kommt vor. Aber nu isser weg, der General. Und wenn ich das jetzt alles zusammensetze, dann fehlt euch ein wesentlicher Tauschgegenstand für eure Abmachung. Sehe ich das richtig?“
Glatzkopf blickt sich kurz um, seine Füße hören auf zu wippen, er nickt. Ein scharfes, metallisches Klicken ist zu hören.
Eine ruhige dritte Stimme mischt sich ein.
„Das siehst du ganz falsch, wirklich!“
Trenchcoat will sich aufrichten und umdrehen, die dritte Stimme wird schärfer.
„Das würde ich nicht tun, Freundchen. Auf deinen Hinterkopf ist eine wunderbare Glock 26 mit Schalldämpfer gerichtet. Und wie das bei diesen Dingern so ist – die gehen leicht los. Und wir wollen doch keine Sauerei hier auf diesem schönen Bahnsteig machen.“
„Was soll das?“
Trenchcoat zieht tief an der Zigarette.
„Ihr könnt hier auf unserer Seite nicht einfach so mit einer Privatarmee auftauchen.“
„Doch, können wir.“
Die ruhige dritte Stimme wird lauter.
„Können wir, machen wir grad und du wirst uns jetzt dabei begleiten. Und was den Tauschgegenstand angeht: Wie wäre es mit dir?“
Trenchcoat versteift sich, wendet langsam den Kopf in Richtung des dritten Mannes. Der wirkt mit seinem eng geschnittenen, hellen Anzug, der tadellos sitzenden Krawatte und den perfekt frisierten blonden Haaren in dieser schäbigen Umgebung völlig fehl am Platze.
Die blauen Augen, von vielen Lachfältchen umgeben, blicken Trenchcoat lächelnd an.
„Hallo Sergej! Ich hab dich damals schon gewarnt. Deine Qualmerei wird dich noch mal umbringen. Du hörst schon schlecht, mein Lieber. Früher hätte ich mich nicht so anschleichen können.“
Trenchcoat nimmt die Zigarette auf dem Mund, bläst den Rauch in Richtung des Anzugträgers.
In der Stille ist ein leises Schleifen und Scheppern zu hören, das Fahrsignal zeigt wieder auf frei.
„Hallo General! So schnell findet man verlorene Dinge also wieder. Was soll das hier werden? Ihr wollt mich entführen?“
Sein meckerndes Lachen geht in heiseren Husten über. Ein weiterer Schleimbrocken findet den Weg ins Gleisbett, gefolgt vom Zigarettenstummel.
Er erhebt sich langsam, ebenso der Kahlkopf. Trenchcoat dreht sich zum Anzugträger um.
Ein hoher, schnell anschwellender Ton ist zu hören. Die Tauben im Gleisbett steigen flatternd auf. Die Druckwelle des vorbeirasenden Güterzuges trifft die drei Männer wie ein warmes Handtuch, das Rasseln, Donnern und Quietschen der Anhänger lähmt die Trommelfelle.
Trenchoat greift dem Anzugträger blitzschnell ans Revers, zieht ihn kurz und heftig in Richtung Bahnsteigkante. Den Rest erledigt der Sog der vorbeibrüllenden Metallmassen. Ein Schuss löst sich, trifft die Uhr, dann ist der Anzugträger verschwunden.
Trenchcoat dreht sich zum Kahlkopf um, mitten in der Bewegung stoppt er. Auf seiner Stirn blüht eine rote Blume auf, er knickt ein, taumelt rückwärts, der Zug verschluckt auch ihn.
Kahlkopf steht mit ausgestreckter Waffe da, wartet, bis der Zug vorbei ist.
Auf den Gleisen in der Entfernung liegen undefinierbare Klumpen, der Bahnsteig hat stellenweise einen neuen, blutroten Anstrich.
„Rauchen ist eben doch ungesund“, murmelt er, steckt die Waffe ein, dreht sich um und geht den Bahnsteig entlang, der Treppe zu.

WOK

Ein Junge, ein Dachboden, eine Reise beginnt (Erzählperspektive Auktorialer Erzähler)
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Ein beliebtes Sprichwort lautet: „Auf Holz klopfen bringt Glück!“. Für Robert, unsere 12-jährige Hauptfigur, sollte sich das erst nach eine langen Reise mit vielen Gefahren, seltsamen Begegnungen und einige Enttäuschungen bewahrheiten.
Aber beginnen wir chronologisch, begeben wir uns in das oberste Stockwerk des Elternhauses von Robert, wo wir unseren Protagonisten in der Dachkammer antreffen.
Die Schule ist vorbei, es ist ein warmer Sommer, und Robert hat sich auf die Dachkammer geflüchtet.
Er liebte dieses Plätzchen, seine Eltern wussten davon nichts, auch seine Schwester hatte keine Ahnung, wohin er manchmal für Stunden verschwunden war.
Aus dem Erdgeschoß klang das Knallen einer Tür nach oben, gefolgten von zwei lauten, sich streitenden Stimmen.
Robert steckte sich die Finger in die Ohren, schloss seine Augen und wippte summend vor und zurück.
Als er die Augen wieder öffnete, blickte er in die Augen einer schwarzen Katze. Sie saß ihm direkt gegenüber, nur einen Meter entfernt. Die Vorderpfoten hatte sie dicht nebeneinander gestellt, und der Schwanz lag ordentlich geringelt um ihre Beine.

„Warum summst Du nicht mehr so schön?“ fragte ihn die Katze. Robert stand der Mund offen, er brachte keinen Laut heraus.
„Bist Du traurig?“ fragte die Katze.
Robert nickte. „Meine Eltern streiten sich immer, ich habe Angst, dass sie sich scheiden lassen…“
„Streit ist nicht schön“, bestätigte die Katze, „Streit ist immer so laut mit so harten Geräuschen. Das mögen wir gar nicht…“
„Wieso kannst Du sprechen?“ brach es Robert heraus.
Die Katze legte verwundert den Kopf schief.
„Wieso fragst Du das? Du kannst doch auch sprechen?“.
„Ja, aber Katzen können nicht sprechen. Katzen können schnurren und miauen, aber nicht sprechen…“
„Miauen?“ fragte die Katze.
„Was ist das?“
Robert versuchte zu miauen, es klang merkwürdig, und die Katze schüttelte leicht den Kopf.
„Merkwürdig“, sagte sie. „So ein Geräusch machen bei Euch Katzen?“
Eine zweite Katze kam von hinten, setzte sich neben die erste. Sie war weiß, mit grauen Flecken, und einen davon hatte sie direkt über der Nase.
Hätte sich Robert jetzt umgedreht, er hätte eine kleine Tür gesehen, die jetzt offen stand und die im geschlossenen Zustand nicht zu sehen war.
Durch diese Tür kamen immer mehr Katzen und setzten sich, dieses merkwürdige Wesen zu beobachten.
Der Schritt durch diese Tür war der Beginn von Roberts Reise.

 WOK

In einer Dachkammer – ein frecher Junge – eine Reise beginnt/endet
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Der Vollmond lugte nun hinter einer schwarzen Wolkenwand hervor. Das Abend-Gewitter hatte die schwüle Luft gereinigt. Sein silberhelles Licht ergoss sich durch das geöffnete Dachfenster des 3-stöckigen Hauses in der Ottillien-Straße mit der Nummer 13.

Eine Unglückszahl, wird behauptet. Udo Kleintier, selber 13 Jahre alt, ließ sich mit derlei Behauptungen nicht abspeisen. Er saß auch an diesem Abend in dem alten Plüsch-Leder-Sessel seines schon lange verstorbenen Großvaters. Heute las er nicht in den zerfetzten SF-Romanheften, die er in einer im letzten Sommer in einem alten Karton aus dem Sperrmüll gerettet hatte. Er beobachtete, wie das Mondlicht nach & nach seinen Weg über den Dreck des Dachbodens zu seinen Füßen fand, bis es sie vollständig bedeckte.

Seine Gedanken stiegen in dem hereinfallenden Licht empor. Heute Nachmittag hatten sie es im Fernsehen gebracht. Unbekannte Flug-Objekte waren am Himmel erschienen. Die Kommentatoren & Experten der TV-Anstalten hatten sich vor Spekulationen, zusammenhangsfrei gewählten astronomischen Fachwissen & Entsetzen schier überschlagen.

Dann, kurz vor Sonnen-Untergang, erfolgte die Durchsage. Jeder hörte es. Niemand wußte, auf welche Weise. Die Fremden suchten nach geeigneten Menschen, die willig waren eine Reise zu den Sternen anzutreten. Eine Reise voller Abenteuer, die zu neuen Grenzen, fernen Welten & unvorstellbaren Wundern führen sollte. Eine Reise ohne Wiederkehr.

Ein endgültiger Abschied von der Erde. Von allem, was ihm lieb & teuer war. Woran hing sein Herz? Die Schule war scheiße. Die Lehrer verstanden ihn nicht, der Stoff war belanglos & mit den Mitschülern verband ihn kein gemeinsames Interesse. Die Eltern? Eine klassische Familie. Seine Mutter redete über wenig anderes als Klamotten & schwärmte von den geilen Typen, die sie in den Serien ihres TV-Gerätes anhimmelte. Manchmal weinte sie in der Nacht, wenn sie abends Wein getrunken hatte. Er vermutete, daß sie traurig sei, aber sie hatte sich ihm nie mitgeteilt & seine Fragen barsch abgebügelt. Vielleicht war es besser so. Er zuckte die Schultern. Sein Vater interessierte sich, wenn er, was unter der Woche selten genug vorkam, zuhause war, vor allem für Lack, Leder, Chrom & was Autos unter der Haube hatten. Leistung, war eines der Wörter, die er gern benutze. Das Wort „Warum“ & Fragen nach dem Sinn, kamen nicht über seine Lippen. Er arbeitete viel, machte Überstunden um die Schulden für das Haus, das Auto & den Urlaub abzubezahlen, hieß es. Was in dem Kopf seines Sohnes hin & her ging, interessierte ihn nicht.

Von den Bilder seiner Phantasie wußte der Junge niemandem zu erzählen. Keiner, der seine Fragen verstand oder ihm zuhörte, ohne auf die Erfordernisse des Alltags hinzuweisen. Gab es denn niemanden auf der Welt, der seinen Blick vom Boden hob & in den Himmel schaute? Sich wenigstens fragte, was hinter dem Horizont war?

Jetzt hatte der Mond den alten Sessel vollständig mit seinem Licht geflutet. Der Blick des Jungen hob sich weiter, hoch durch das Dachfenster hinaus. Eine dunkle Scheibe schob sich vor das volle Gesicht des Mondes. Langsam wurde sie größer & größer. Die Augen des Jungen weiteten sich…

Joyeti

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